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actualis-Kurs: Online-Redaktion
Der Online-Text

Der 2. Teil des Kurses Online-Redaktion ist den Besonderheiten von Texten und Bildern in Online-Medien gewidmet.

Das Internet weist als Medium ganz eigene Charakteristiken auf. Zeitungs- oder andere Printtexte sind in der Regel ungeeignet für Online-Medien.

Der Kursteil "Online-Text" bietet folgende Inhalte:

  1. Online-Charakteristik: Texte, die nicht gelesen werden
  2. Schreiben und Redigieren für Web und E-Mail
  3. Textlänge und -struktur
  4. Satzbau und Wortwahl
  5. Bilder und Logos

2.1

Online-Charakteristik
Texte, die nicht gelesen werden

Das Internet ist ein Text-, aber kein Lesemedium!

Studien haben immer wieder gezeigt, dass das Lesen am Bildschirm sehr mühsam und langwierig ist. Die Leseleistung am Monitor ist nur etwa halb so gross wie ab Papier (vgl. dazu J. Nielsen, Alertbox, Reading on the Web).

Zwei Beispiele: Lange Bildschirm-Lektüren ermüden stark und die Fehlerkorrektur ab Papier ist viel ergiebiger als diejenige am Monitor.

Folgende Schwächen der Online-Medien sind dafür verantwortlich:

  • noch immer zu schlechte Bildschirm-Qualität
  • geringe Auflösung
  • ergonomisch ungünstige und immobile Position des Monitors
  • zu starke Lichtintensität der Monitore
  • Unübersichtlichkeit langer Text-Dokumente
  • geringe und langsame Kapazität der Datenübertragung
  • schlechte Seiten-Layouts von Online-Medien
  • Ablenkung durch Logos, Werbung, Animationen

Wahrscheinlich wird die Monitor-Qualität in den nächsten Jahren grosse Fortschritte machen. In Entwicklung stehen flexible Bildschirme, die fast wie Zeitungen oder Illustrierte benutzt werden können. Trotzdem wird der Tischmonitor noch lange das Standard-Interface für Computer bleiben.

Scannen statt lesen

Bei Online-Medien spricht man von Scannen statt von Lesen. Scannen bedeutet auf Englisch "mit den Augen überfliegen, absuchen" und kommt unserem "Diagonal-Lesen" nahe.

Die Augen des "Users" wandern nur über den Text und bleiben an einzelnen Wörtern oder Logos hängen.

Die Rezeption ist sehr oberflächlich. Nach wenigen Sekunden wird weitergeklickt, wenn der Inhalt nicht zu packen vermag oder zu langsam heruntergeladen wird.

Das Lesen wird erschwert durch textliche Mängel (Kapitel 2.2):

  • lange unstrukturierte Texte ohne Absätze
  • zu lange Absätze
  • lange und verschachtelte Sätze
  • lange Wörter
  • schwierige oder unbekannte Wörter
  • langweilige Texte, schlechter Stil
  • Brüche im Textfluss

und durch layouterische Mängel (Kapitel 3):

  • zu grosser oder zu geringer Farb- und Helligkeitskontrast (vgl. Kapitel 3) zwischen Schrift und Hintergrund
  • unruhiger Hintergrund
  • Ablenkung durch Animationen, Werbung usw.
  • zu breite Spalten
  • typographische Eintönigkeit
  • typographische Überlastung und ungeeignete Formatierungen (z.B. kursiv)

Das Web-Publikum: viele Neulinge

Die Webbevölkerung ist massiv am Wachsen. Viele Online-Dienste weisen monatliche Steigerungsraten von 10 Prozent und mehr aus. Unter den Seitenbesuchern beobachten wir also viele Neulinge im Internet, die mit dem Medium schlecht vertraut sind.

Das gilt umso mehr, als dass immer mehr Computer-Unerfahrene (beruflich nicht mit Computern Arbeitende, Senioren) den Einstieg ins Netz wagen. Das Internet-Publikum nähert sich damit immer mehr der "Normaldemographie" an (vgl. actualis-Hintergrund "Mädchen erobern das Netz"???).

Zudem sind die Verantwortlichen von Firmen-Sites plötzlich mit Laien in der Materie konfrontiert. Diese gelangen dank des Internets plötzlich direkt zum Anbieter, z.B. einer Bank, und eben nicht zum Bankberater vom Kundendienst. Auch diese Klientel benötigt Hilfe.

Die Gratwanderung besteht darin, den Neulingen genügend Hilfe zu bieten, aber gleichzeitig die "alten Hasen" nicht mit langen Erklärungen zu langweilen.

Das wird leicht durch einen klaren Aufbau erreicht, der die Erklärungen per Link verfügbar macht - genau wie beim actualis-Lexikon.

2.2


Schreiben und Redigieren für
Web und E-Mail

Das Internet ist ein eigenständiges Medium und verlangt eigenständige Textformen. Die prägnante Radiosprache und Teletext/Videotext liegen in ihrer Charakteristik dem Online-Text am nächsten. Zeitungsartikel werden dagegen fürs Drucken auf Papier geschrieben und gehören auch dort hin.

Der Grund, warum die meisten Zeitungen ihre Printtexte ins Web stellen, liegt z.T. in der fehlenden Sensibilität für das neue Medium. Vor allem aber ist das eine Frage der Ressourcen: Nur die ganz grossen Medien (CNN, New York Times, Spiegel usw.) können sich eine echte Online-Redaktion leisten.

Übersicht und Kürze sind besonders wichtig:

  • Kurze Texte
  • Klare Text-Strukturen
  • Auslagerung von Neben-Aspekten oder Hintergründen in eigene, verlinkte Texte
  • Kurze Absätze (bis hin zu einem einzigen Satz)
  • nur 1 Gedanke/Aspekt pro Absatz
  • Klare, lineare Sätze; keine Verschachtelungen
  • lange Wort-Konstruktionen koppeln (Bindestrich)
  • Listen-Form bei Aufzählungen

Besonderheiten der E-Mails

Das allermeiste, was hier über Online-Texte gesagt wird, gilt ebenso für E-Mails. Insbesondere, was die Sprache und die Strukturierung des Textes betrifft. Trotzdem gibt es Mail-Besonderheiten.

Mails sollten aber noch kürzer gehalten werden. Sie eignen sich besser für Nachrichten oder Schlagzeilen denn für komplette Artikel.

Ein Newsletter macht mit Vorteil nur auf Artikel oder News einer Site aufmerksam statt sie in ihrer vollen Länge zu versenden.

Ein direkter Link kann die Verbindung zum Artikel auf der Site sicherstellen. Aber Achtung: nicht alle Mail-Programme können Links auch als solche darstellen, sondern listen bloss die URL (Internetadresse) auf.

Die Betreff-Zeile (Subject) hat bei E-Mails eine besondere Bedeutung. Sie reicht weit über die Funktion eines Titels hinaus und ist ein klassischer Mikrotext, der in der Mailbox aus seinem Zusammenhang gerissen neben Dutzenden von Betreff-Zeilen stehen kann.

Die Betreffzeile sollte einen aktuellen Inhalt anreissen und möglichst die Identität des Newsletters angeben. Sie kann letzteres mit einer Abkürzung bewerkstelligen. Für den Inhalt des Newsletters bleiben meist bloss ein, zwei Wörter.

Der Inhalt der Betreff-Zeile hängt aber auch von der Frequenz des Erscheinens ab. Einen Newsletter, der täglich oder sogar noch häufiger erscheint, kennen dessen Abonnenten. Er benötigt kaum eine Namensnennung in der Betreff-Zeile. In diesem Fall kann die Betreffzeile voll für den Inhalt verwendet werden. Ein selten oder unregelmässig erscheinender Newsletter trägt dagegen mit Vorteil eine Namensnennung im Betreff, also z.B.: "actualis-Newsletter".

Persönliche E-Mails, die direkt an den Empfänger gemailt werden, sollten einen rein sachlichen Betreff aufweisen. Formulierungen wie die folgenden sind zu vermeiden:

  • Mail für Sie
  • Mail für Fritz Meier
  • Wichtige Nachricht

Wenn aber nur ein Mail-Empfang für mehrere Personen vorhanden ist, macht der Name des Empfängers im Betreff wiederum Sinn.

2.3


Textlänge und -struktur

Kürze bedeutet nicht Oberflächlichkeit.

Dank Hypertext kann mit verlinkten Einzeltexten ein Thema beliebig vertieft und mit allen Nebenaspekten erweitert werden. Lexika mit ihren Querverweisen arbeiten nach dem selben Prinzip.

Dem einzelnen Text sind jedoch in seinem Umfang und dadurch seiner Tiefgründigkeit Grenzen gesetzt.

Der Zwang zur Kürze hat auch Vorteile. Er verlangt Präzision bei der Formulierung und Klarheit in der Struktur. Überflüssiges muss weggelassen werden. Und schliesslich gilt besonders im Journalismus: In der Kürze liegt die Würze.

Die Maximallänge für Texte hängt von folgenden Faktoren ab:

  • Stil des Mediums
  • Art des Textes (ein Gedicht muss in sich erhalten bleiben)
  • Internet-Vertrautheit der Site-Besucher
  • Interesse für die Materie

Es empfiehlt sich, den Haupttext kurz zu halten, d.h. maximal 70 Zeitungszeilen oder 2000 Zeichen. Das entspricht einem mittleren bis kleineren Artikel in einer Tageszeitung.

Eine klare Struktur ist extrem wichtig. Folgendes muss beachtet werden:

  • Das Wichtigste zuerst, Hintergründe und Nebenaspekte am Schluss
  • Kurze Absätze sind wichtig, getrennt durch eine Leerzeile (Return am Ende des Absatzes, nicht nur eine Zeilenschaltung). Jeweils nur wenige Sätze in einen Absatz packen, bis hinunter zu einem einzigen Satz.
  • Stets nur einen Aspekt pro Absatz thematisieren.
  • Durch die Hervorhebung eines charakteristischen Begriffs findet das Auge Angelpunkte beim Überfliegen des Textes. Das Scannen (s. Kap. 2.1) kann so gesteuert werden.
  • Zwischentitel gliedern den Text zusätzlich. Sie sollten möglichst vom Textanfang aus per Link direkt erreicht werden können.
  • Nebenaspekte, Vorgeschichte usw. möglichst in ein verlinktes Dokument ausgliedern


2.4


Satzbau und Wortwahl

Jedes Medium verlangt nach einer eigenen Sprache. Die Internet-Sprache ist prägnant, klar und schnörkellos. Sie ähnelt der Radiosprache mehr als der Zeitungs-Schreibweise.

Da das Lesen am Bildschirm mühsam ist, sind kurze und lineare Sätze leichter aufzunehmen. Verschachtelungen mit vielen Nebensätzen erschweren das Lesen.

Auch lange Wortungetüme und Fachausdrücke sind Gift am Bildschirm. Kurze und präzise Wörter erleichtern das Lesen. Das Koppeln (mit Bindestrich) von Wort-Zusammensetzungen hilft bei schwierigen Ausdrücken.

Im Übrigen gelten bei Satzbau und Wortwahl die gleichen Anmerkungen wie bei der Gesamtlänge eines Artikels. Folgende Faktoren müssen berücksichtigt werden:

  • Stil des Mediums
  • Art des Textes
  • Internet-Vertrautheit der Site-Besucher
  • Interesse für die Materie

2.5


Bilder und Logos

In Printmedien werden Bilder grosszügig eingesetzt, um die Seiten attraktiver zu gestalten. Im Internet setzt die Kapazität der Datenleitungen und Modems enge Grenzen. Bilder sind auch im Online-Bereich wichtig, müssen aber sehr sparsam eingesetzt werden. Zudem sind grosse Bilder wegen ihrer Datenlast tabu.

Bilder sind sparsam einzusetzende Blickfänge. Gleichzeitig sollte nur ein dominantes Bild sichtbar sein.

Zusätzliche Illustrationen dürfen bloss den Charakter von Logos haben. Sie können z.B. kleinformatig auf einzelne Rubriken hinweisen in der Form von Buttons, Maillinks usw.

Noch mehr als beim Text gilt für Bilder: weniger ist mehr. Ein überladener Bildschirm ermüdet den Betrachter und wirkt billig.

Zudem lassen lange Wartezeiten beim Herunterladen viele Site-Besucher vorzeitig weiterklicken. Mit 20 Kilobytes lassen sich attraktive Farbbilder darstellen, die die Geduld und die Telefonrechnung der Besucher schonen.

Folglich ist die Kompression von Bildern wichtig. Die besten Resultate erreicht man bei Fotos mit dem jpeg-Format, bei Grafiken und Logos mit dem gif-Standard.

Zur Kompression gibt es sehr effektive Programme, die einzig darauf spezialisiert sind. Ein solches ist beispielsweise ImageReady von Adobe.

Oft müssen Bilder fürs Web verkleinert werden. Breiten von mehr als etwa 300 Pixel sind von ihrem Datenvolumen nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Statt die Bilder bloss zu verkleinern, schneidet man besser leere Bildteile ab. So wird das Bild auf das wesentliche konzentriert, zum Beispiel das Gesicht einer Person. Gekonnt geschnitten, gewinnt manches Bild an Qualität.

Animationen haben auf Informations-Seiten nichts zu suchen. Sie sehen nach Werbung aus. Eine Ausnahme bilden jedoch trendige Seiten von Firmen oder Organisationen, die so ihr jugendliches Image zum Ausdruck bringen.