Artikel aus dem Bereich Computer und Internet

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Erschienen im Bieler Tagblatt vom 9.11.1998

Wein: Das Web als unerschöpfliche Quelle

Die grösste Weinmesse der Welt

Wein ist der Inbegriff für Lebensgenuss, der Computer steht für trockenen Büromief. Im Internet verbinden sich beide und lassen erstaunliche Früchte reifen.

Peter Grupp

Fast so schön wie Wein trinken ist das Fachsimpeln über Wein. Wie aber kommt der wissensdurstige Weinliebhaber zu seinen Informationen. Er kann sich zum Beispiel in prächtigen - und meist sehr teuren - Büchern bedienen oder die ebenfalls nicht gerade billige Fachmagazine konsultieren. Schier unendlich ist zudem das Angebot für Weinfreunde im Internet, wo von Gratisinfos bis zum Kommerz alles zu haben ist.

Zusatznutzen für die Surfer

Einmal mehr ersetzt das Internet dabei nicht die bestehenden Medien: Magazine und Buchverlage stellen allesamt kostenlos Zusatzdienstleistungen zur Verfügung, die sie mit Druckprodukten nicht bieten können. Ein gut dotiertes Archiv ist dabei das mindeste, was Magazine wie «Vinum», das deutsche «Alles über Wein» oder der amerikanische «Winespectator» bieten. Datenbanken liefern beim Letztgenannten darüber hinaus ein Wein-Rating, das sich gewaschen hat. Seit die Weinpäpste wie Parker & Co mit ihren Bewertungen die Weinpreise massgeblich beeinflussen, zeigen diese Hitlisten frühzeitig die Preisentwicklung der bekannten Weine auf. Beliebt sind sie insbesondere bei den grossen Namen des Bordelais und des Burgunds. Apropos Bordeaux: Für das berühmteste Weingebiet gibt’s einen eigenen, deutschsprachigen Bordeaux-Kompass, der Bewertungen aus acht verschiedenen Quellen (darunter das Schweizer «Vinum») sammelt und zusammenstellt.

Diese eigentlichen Weinplattformen halten mit Newslettern via E-Mail ihre Leserinnen und Leser auf dem Laufenden und ermöglichen Fachdiskussionen in eigenen Weinforen.

 

Big Business im Wein-Web

Nach Computer und Software war Wein zusammen mit Büchern und CDs eins der ersten Produkte, die übers Internet vertrieben wurden. Inzwischen ist der Überblick ob all den virtuellen Weinhandlungen kaum mehr zu behalten. Selbst in der Schweiz werben inzwischen zahlreiche Händler und Winzer für ihre Waren, so etwa auch die Bieler Vinothek Le vin.

Zu den ersten gehörte unter anderem die Walliser Weinhandlung Nouveau Salquenen. Was mit einem elektronischen Weinkatalog begonnen hat, ist zum Online-Shop gewachsen. Inzwischen ist das bekannte Weindorf als Ganzes im Netz mit umfangreichen Informationen, Wandervorschlägen und natürlich einem Winzer- und Kellerverzeichnis. Die wohl grösste Schweizer Internet-Weinhandlung und zugleich eine der ersten ist «La cave». Mit diesem virtuellen Weinladen haben die beiden Medienriesen, die welsche Edipress und die Zürcher TA Media, ihren Versuch in E-Commerce gestartet. Der Laden bietet inzwischen über 2000 Weine an und hat sich zu einer wichtigen Drehscheiben des Schweizer Internet-Weinhandels entwickelt.

Vom Virtuellen zurück in die Realität

Auch wenn die kommerziellen Erfolge den Pionieren recht zu geben scheinen, gibt das Thema auch genügend Raum für nicht gewinnorientierte Projekte. Eine der faszinierendsten Wein-Sites im Internet ist das deutsche Wein-plus. Auf der privaten Homepage des Erlangener Utz Graafmann finden sich nicht nur eine gute Linkliste und Buchtipps. Das Herz der Site ist das Weinforum. Dabei handelt es sich um eine Mail-Liste, in der Weinfreunde aus zahlreichen Ländern via E-Mail die verschiedensten Weinthemen diskutieren. Bereits nach wenigen Monaten sind die Diskussionen so rege, dass die Mailbox täglich gefüllt ist. Reisetipps werden ebenso ausgetauscht wie Degustationsnotizen und die passenden Rezepte zum Wein.

Letzte Woche hat das Weinforum schliesslich den «Rückschritt» in die Realität gemacht: Als «Monatswein» wurde ein toskanischer Bongoverno 1993 an 31 Mitglieder verschickt, der - zum vorher breit diskutierten Menü - verkostet und danach via Internet besprochen wird. Leider bleibt der Versand vorläufig auf Deutschland beschränkt. Dort entfallen dafür dank eines Sponsorings die Versandkosten für den edlen Vino da Tavola.
Rat fand bei den Listenmitgliedern auch ein weniger begüterter Student, der neben dem Wein nicht auch noch ein oppulentes Wildessen berappen konnte: Mittelreifer Edamer wurde ihm als Begleitung empfohlen oder ein vollreifer Peccorino.

Bielersee-Wein im Web

Grosse Bordeaux’, Australier oder chilenische Weine sind gut und recht, wie steht es im Internet aber mit der Bielersee-Weinregion? Auch sie ist kein weisser Fleck auf der Web-Karte. Das Weindorf Ligerz hat seine Homepage ebenso wie das Weingut der Gemeinde Erlach. Und die nächstens beginnende Bieler Weinmesse Vinifera hat wie zuvor die Zürcher «Vinexpo» den Schritt ins Web gewagt. Sie versucht sich auch im Internet als Plattform für die lokalen Winzer und Händler zu etablieren, wie erste Ansätze beweisen. Viele regionale Links gibt’s indes noch nicht.