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Erschienen im Bieler Tagblatt vom 16.10.99

Telecom 99: Grösste Telekom-Messe der Welt in Genf
Telekom-Welt im Mobilitätsrausch

Diese Woche traf sich die Telekom-Welt in Genf. Von Swisscom bis Nokia, von Orange bis Microsoft und von Cisco bis Alcatel waren sie alle da. Internet und Mobilität sind die Zauberworte.

Peter Grupp

Als sich die grössten Telekom-Unternehmen der Welt vor vier Jahren zum letzten Mal in Genf trafen, wagte wohl kaum einer ihrer Vertreter, die künftige Entwicklung zu erhoffen. Einige der ganz grossen des Internetbusines existierten damals noch nicht einmal, heute erzielen sie dreistellige Millionenumsätze. Keine Branche boomt zurzeit so wie die Telekommunikation.
Bescheidenheit ist in diesem Zukunftsmarkt nicht gefragt. Die Firmen sind nicht mit Ständen präsent, sondern mit mehrstöckigen Gebäuden mit Präsentationsbühnen, Grossleinwänden, eigenen Bars und Vortragsräumen. Gehüllt sind sie in farbwechselnde Glaswände, riesige Metallkugeln oder - wie der Schweizer Pavillon - in ein Kleid aus Hunderten von Kunststoffröhren. Nicht Standbauer waren hier am Werk, sondern Architekten und Designer. Das Personal ist edel gekleidet, in dreiteilige Anzüge und schicke Deux-pièces.
Zwei Entwicklungen haben diesen unglaublichen Boom verursacht: die rasende Verbreitung des World Wide Webs und die Deregulierung des ehemals monopolistischen Telefonmarkts. Während die Deregulierung in Genf vor allem noch in den Diskussionsforen und Vorträgen zur Sprache kam, ist die Verbindung von Internet und Telefon sowie immer stärker auch Fernsehen in aller Munde. Und das so mobil und klein wie möglich.

Tragbares Internet

Gleich vier Hersteller haben in Genf die neuen Internet-Handys vorgestellt. Damit wachsen Sprache und Internet nicht nur zusammen, das Netz wird auch mobil. WAP (Wireless Application Protocol) heisst der neue Datenstandard, mit dem schlanke Internet-Seiten programmiert werden können (BT vom 2. Oktober). Nokia hat den Wettlauf gewonnen und bietet als erste ein WAP-Handy an. Eigentlich sollte es bereits im Verkauf sein, offenbar bekundete die finnische Firma aber im letzten Augenblick Probleme. Als Termin für den Verkaufsstart wurde in Genf der November genannt. Mit vier Tasten lässt sich auf dem Bildschirmchen scrollen. Das Schreiben von Internetadressen, E-Mails oder Kurznachrichten (SMS) geschieht über die normale Handy-Tastatur und ist entsprechend mühsam. Ein ähnliches Gerät hat Samsung präsentiert. Es soll Ende Jahr auf den Markt kommen. Beide Geräte bieten zudem Adressspeicher und Agendafunktionen.

Alleskönner von Motorola

Erst nächstes Jahr bringen Ericsson und Motorola ihre WAP-Telefone auf den Markt. Dafür bieten diese deutlich mehr, allem voran einen deutlich grösseren und Berührungsempfindlichen Bildschirm (Touchscreen). Die schwedische Ericsson präsentierte gleich zwei Modelle, von denen das kleinere ähnlich wie dasjenige von Konkurrent Nokia ist. Das grössere kann mit einem Stift auf dem Touchscreen bedient werden und ermöglicht ein passables Lesen von Nachrichten und sogar das Betrachten von kleinen Grafiken.
Den Vogel schiesst aber Motorola mit seinem «Timeport P1088 Smart Phone» ab. In dem etwas grösseren Gehäuse hat die US-Kokurrentin das alles eingebaut und noch mehr. Der berührungsempfindliche Bildschirm ist mit Eingabefeldern ausgestattet, in die von Hand Zahlen und Buchstaben geschrieben werden können. Die Handschrifterkennung verläuft problemlos, wie ein Kurztest gezeigt hat. Damit ist der Digitale Assistent à la Palm Pilot gleich eingebaut. Und schliesslich kann das kleine Wunderding nicht nur die neuen schlanken WAP-Internetseiten lesen, sondern auch die normalen HTML-Dokumente.

Bewegung im Festnetz

Neues ist auch von der Festnetz-Telefonie zu vermelden. Auch hier wachsen Telefon und Internet zusammen. Sichtbarer Beweis dafür sind Web-Telefone verschiedener Hersteller. Alcatel lanciert dieser Tage sein Gerät in Frankreich und Deutschland. Es bietet neben dem Telefonhörer Bildschirm und Tastatur. Das gerät ist innert Sekunden aufgestartet und wählt sich über ein 33,6 kb-Modem ins Internet ein. Surfen und E-Mails sind kein Problem mehr. Ebenfalls marktreif ist das Gerät von Samsung, das über ein schnelles 56 kb-Modem und ISDN-Zugang verfügt.

Wie gehts weiter?

Die wichtigste Entwicklung läuft indes unsichtbar für die Benutzer ab - sowohl im Festnetz wie auch bei der Mobil-Telefonie. Denn künftig werden gesprochene Worte digitalisiert, in kleine Datenpakete aufgestückelt und über die beste gerade zur Verfügung stehende Verbindung geleitet. Diese kompliziert erscheinende Technik, das sogenannte Internet-Protocol (IP) hat sich seit zwanzig Jahren im Internet bewährt. Sie nutzt die Leitungen effizienter, was höhere Übertragungsraten und geringere Telekomkosten zur Folge hat.